Zinngiesser/in

Der Zinngiesser* stellt Geräte, Geschirr und Figuren aus Zinn her, indem er das geschmolzene Metall in vorgefertigte Formen giesst. Die gegossenen Teile werden nach Erkalten zu den Endprodukten weiterbearbeitet.

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Die Gussform besteht typischerweise aus Messing, Bronze, Gusseisen oder Sandstein. Sie wird vor dem Giessen mit einem Trennmittel (zum Beispiel Graphit) bestrichen, um zu verhindern, dass das Zinn nicht an ihr klebenbleibt. Während das Metall geschmolzen wird – mit 232°C hat Zinn einen tiefen Schmelzpunkt – wird auch die Gussform erwärmt, da sich Temperaturdifferenzen ungünstig auswirken können. Das flüssige, heisse Zinn wird nun mit einer Kelle eingefüllt. Da es sehr schnell erstarrt, ist bei diesem Arbeitsschritt viel Fingerspitzengefühl und Übung erforderlich. Zu schnelles Abkühlen kann Risse im Metall verursachen, deshalb wartet man, bis das Zinn an der Eingussstelle fest geworden ist, ehe man die Form in lauwarmem Wasser abkühlt. Nun kann das zinnerne Gussteil herausgelöst werden.

Einfache Figuren, Teller oder Becher können auf diese Weise in einem Guss hergestellt werden. Kompliziertere Geräte wie zum Beispiel eine Kanne entstehen in mehreren Schritten: Bauchteil, Halsteil, Deckel, Henkel und allfällige weitere Teile werden einzeln gegossen und anschliessend miteinander verlötet.

Die reichen Verzierungen, die man auf zinnernen Objekten häufig findet, können auf zweierlei Weise entstehen. Entweder wird das Objekt nach dem Guss bearbeitet, zum Beispiel durch Gravieren (→ Zinngraveur/in), Punzieren oder Ätzen. Oder die Verzierungen werden bereits an der Gussform in Gestalt von Vertiefungen oder Erhöhungen angebracht. Diese Methode, die durch die Wiederverwendbarkeit der Gussform enorm zeit- und kostensparend ist, wird dadurch ermöglicht, dass Zinn sehr leichtflüssig ist und die Gussform bis in kleinste Spalten ausfüllen kann.

 

Rohstoff Zinn

Reines Zinn ist brüchig und kann nur in Legierung mit anderen Metallen zu stabilen Produkten verarbeitet werden. Am häufigsten beigemengt werden Kupfer, Blei, Wismut, Antimon, gelegentlich auch Zink. Die genaue Zusammensetzung ihrer Legierungen wurde früher von den einzelnen Zinngiesser-Meistern oftmals geheim gehalten. Drei grosse Klassen von Zinnlegierungen können unterschieden werden: Feinzinn, Probezinn und Mankgut.

  • Feinzinn enthält mindestens 90% reines Zinn und Zusätze von Kupfer, Antimon und Wismut. Es ist hell und glänzend und gilt als die edelste Zinnlegierung.
  • Probezinn, die häufigste Zinnlegierung, enthält 10-20% Blei und geringe Zusätze von Kupfer und Wismut. Durch den Bleianteil ist Probezinn dunkler als Feinzinn.
  • Das sehr dunkle Mankgut schliesslich hat einen Bleianteil von 30-40%. Aufgrund der gesundheitsschädigenden Wirkung von Blei durfte Mankgut bereits im Mittelalter für Geschirr nicht verwendet werden.

Blei wurde von den Zinngiessern als billige Zutat geschätzt, wegen seiner Giftigkeit aber schon früh durch Gesetze in seinem Gebrauch eingeschränkt. Als Schutzmassnahme für den Käufer von Zinngegenständen entwickelte sich im Mittelalter ein ausgeprägtes Markenwesen: Der Zinngiesser-Meister versah jedes seiner Produkte mit Marken, die neben der Qualität des verwendeten Materials auch ihn selbst und seine Stadt bezeichneten. Die Verwendung von regelwidrigen Zinnlegierungen konnte dadurch weitgehend verhindert werden; bei Verstössen konnte der Meister zur Rechenschaft gezogen werden.

 

Geschichte

Zinn wurde bereits in den alten Hochkulturen für die Herstellung von Geräten und Schmuck verwendet. Das Gussverfahren war spätestens in der Antike bekannt, wie erhaltene gegossene Zinngegenstände und steinerne Gussformen bezeugen.

Zinn erreichte zwar nie die Wertschätzung von Silber, fand im Mittelalter aber ebenfalls Verwendung in der Herstellung von Geschirr und Zierrat für Adel, Zünfte und später reiches Bürgertum sowie von Taufbecken, Kelchen, Leuchtern und anderen liturgischen Geräten im kirchlichen Bereich. Als Zinn erschwinglicher wurde, hielten zinnerne Teller, Platten, Kannen und Becher auch in die weniger begüterten Haushalte Einzug; von der Zeit des Barock bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren zinnerne Gebrauchsgegenstände weit verbreitet.

Seit dem 18. Jahrhundert wurde Zinngeschirr zunehmend von Glas und Porzellan verdrängt. Die Massenproduktion von Porzellangeschirr, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung einsetzte, beschleunigte den Niedergang des Zinngiesser-Handwerks. Heute sind nur noch wenige Zinngiesser-Werkstätten übrig geblieben.

* Für bessere Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet.

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Literatur

Bielander Josef: Der Zinngiesser. Louis Della Bianca in Visp, Sterbendes Handwerk Heft 12, Basel 1967.

Dubler, Anne-Marie: Handwerk, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13954.php, abgerufen am 06.11.2014.

Dubler Anne-Marie: Metallverarbeitende Handwerke, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D13980.php, abgerufen am 06.11.2014.

Kohlmann Theodor: Zinngiesser, in: Reith Reinhold (Hg.): Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngiesser, München 2008, S. 262-266.

Wacha Georg: Zinn und Zinngiesser in den Ländern Mitteleuropas, München 1983.

Zinn, in: Die Brockhaus Enzyklopädie Online, abgerufen am 06.11.2014.


Gefährdung
Hoher Gefährdungsgrad
Verbreitung
ganze Schweiz
Ausführende
< 5
24 Metallerzeugung und -bearbeitung
245 Giessereien

Formalisierte Aus-/Weiterbildung

Handwerksberuf Nein

Grundausbildung zu den verwandten Berufen Gussformer/Gussformerin oder Gusstechnologe/Gusstechnologin:

 

Giesserei-Verband der Schweiz GVS
Hallenstr. 15
Postfach 71
8024 Zürich
Tel.: +41 43 366 00 84
E-Mail: info@giesserei-verband.ch
www.giesserei-verband.ch
www.giessereiberufe.ch

 

Nicht formalisierte Aus-/Weiterbildung

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