Wildheuer

Wildheuer und Wildheuerinnen mähen Gras auf schwer zugänglichen Steilhängen in Berggebieten und schaffen es ins Tal hinunter.

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Je nach Höhenlage und Gelände verläuft die Heuernte in den Berggebieten unterschiedlich. Es werden drei Zonen unterschieden: Fettwiesen (1600-1800 m.ü.M.), Bergwiesen (bis 2000 m.ü.M.) und das Wildheugebiet. Letzteres ist nicht einer bestimmten Höhenlage zugeordnet, sondern durch Steilheit und schwere Zugänglichkeit charakterisiert. Die Wiesen im Wildheugebiet werden nicht gedüngt, und das Heu wird nicht regelmässig geschnitten, sondern nur dann, wenn das Wetter dies zulässt. Das Heuen im abschüssigen und weglosen Gelände ist gefährlich und mühevoll. Der Wildheuer[1] muss an den steilen, häufig nassen und glatten Berghängen über enorme Trittsicherheit – ein Fehltritt kann den Tod bedeuten – und Stehvermögen verfügen. Steigeisen verhelfen zu sichererem Halt, die Belastung der Fussgelenke bleibt dennoch ungeheuer. Da es im Wildheugebiet keine Ställe mehr gibt, in denen das Heu gelagert werden könnte, ist auch der Abtransport der Ernte aufwendig.

 

Die Wildheuet

Im folgenden ein kurzer Überblick über die traditionelle Wildheuet, wie sie in den Berggebieten seit Jahrhunderten praktiziert wird. Die lokalen Traditionen der einzelnen Wildheugebiete unterscheiden sich voneinander, so dass hier nur eine verallgemeinernde Annäherung gegeben werden kann.

Der Schnitt des Grases erfolgt mit der Sense (→ Sensenmäher). Der Wildheuer lässt sich am Blatt seiner Sense erkennen: Während auf Fettwiesen breite, lange Sensenblätter zum Einsatz kommen, sind sie im Wildheugebiet schmal und kurz. Der Sensenstiel darf nicht zu lang sein – er ist im Steilhang bloss im Weg. Von weitem Ausholen mit der Sense und zügigem Vorankommen kann auf dem unebenen, steinigen Gelände keine Rede sein. Das Gras fällt in kleinen Büscheln, der Wildheuer steht oder kniet bei der Arbeit, ständig um festen Tritt bedacht. Rückenschmerzen sind durch die häufig stark gekrümmte Haltung beinahe unausweichliche Begleiterscheinungen.

Damit die Schneide der Sense scharf bleibt, muss sie regelmässig gedengelt und gewetzt werden. Das Dengeln von Hand geschieht mit Hammer und Amboss; als Unterlage für den Amboss dient ein Stein oder Holzklotz. Durch gleichmässiges Beschlagen der Schneide auf dem Amboss werden Beschädigungen ausgehämmert und das Sensenblatt über die ganze Länge neu geschärft. Zum schnellen Nachschärfen der Schneide während der Mäharbeit trägt der Wildheuer einen Wetzstein bei sich.

Das gemähte Gras wird mit Heugabeln ausgebreitet, über Nacht liegengelassen und am nächsten Morgen gewendet. Am Nachmittag desselben Tages wird es von oben nach unten zusammengerecht. Am Fuss des Hanges wird es zu Bürden geschichtet oder in Heutücher verpackt. Der Wildheuer lädt sich das fertige, mit Seilen oder einem Netz zusammengeschnürte Heubündel auf Kopf und Rücken und transportiert es zum nächsten Heuseil, einem fest installierten Drahtseilzug, an welchem das Heubündel ins Tal hinunter befördert wird. Liegt das Wildheugebiet oberhalb einer senkrecht abfallenden Klippe, können die Heubündel auch einfach hinunter geworfen werden. Seit einigen Jahren kommen gelegentlich auch Helikopter als Heutransporter zum Einsatz.

 

Eggen, Reisten und Tristen

Heuseile, zunächst aus Hanf, kamen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Zuvor und in einigen Regionen auch weiterhin dienten Schneisen als Rutschbahnen für das Heu, zum Beispiel eine Runse oder ein Lawinenzug. Das Heu wird allerdings nicht sofort nach dem Schnitt ins Tal transportiert: An der Schneise wird aus den herangebrachten Heubündeln zunächst ein Heuhaufen, eine sogenannte Egge, gebaut. Die Egge hat auf der Talseite eine auslaufende „Nase“, auf der Bergseite hingegen fällt sie steil ab, damit möglichst wenig Regenwasser eindringen kann. Die Spitze der fertigen Egge wird zum Schutz mit einem Heutuch abgedeckt. Damit die Egge bei Regen oder Schnee nicht ins Rutschen gerät, schlägt der Wildheuer unmittelbar unter der Nase einen Pfahl in den Boden.

Die Wildheuet dauert in der Regel mehrere Tage. Da eine Egge typischerweise aus jeweils einer Tagesernte besteht, hat man am Ende soviele Eggen wie verbrachte Arbeitstage. Sobald alles Gras abgemäht und die letzte Egge fertig errichtet ist, ist die eigentliche Heuet abgeschlossen. Die Eggen werden nun eine Weile – Wochen oder Monate – stehengelassen, damit das Heu sich setzen kann. Diese Kompaktierung bewirkt, dass die Eggen auf ihrer Reise ins Tal hinunter weniger auseinanderfallen.

Im Spätherbst werden die Eggen schliesslich auf Talfahrt geschickt. Dieser Vorgang wird „Reisten“ genannt. Die Egge wird in Bewegung gesetzt, indem sich mehrere Wildheuer von oben gemeinsam gegen sie stemmen. Der Heuballen bleibt während der Talfahrt relativ lange kompakt, ehe er auseinandergerissen wird. Nach dem Reisten folgt der Wildheuer der Bahn der Heuballen mit dem Rechen in der Hand und sammelt das zerstreute Heu ein. Dadurch werden Verluste beinahe vollständig vermieden.

Je nach Geländebeschaffenheit endet die Talfahrt des Heus, bevor der Talgrund erreicht ist. In diesen Fällen wird das Heu in Form von grossen, kegelförmigen Haufen, sogenannten Tristen, gelagert. Als Lagerplatz dient eine ebene und möglichst geschützte Fläche in unmittelbarer Nähe der Schneise. Auf dem Boden wird zunächst aus Ästen das Tristbett ausgelegt, auf welches danach das Heu geschichtet wird. Die Spitze der fertigen Triste, die mehrere Meter hoch sein kann, wird zum Schluss mit einem Heutuch abgedeckt. In einer richtig gebauten Triste lässt sich das Heu lange lagern.

 

Geschichte

Rudolph:
Wer seid ihr? Wer ist euer Mann?

Armgart:
Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge,
Der überm Abgrund weg das freie Gras
Abmähet von den schroffen Felsenwänden,
Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen –

Rudolph zum Landvogt:
Bei Gott, ein elend und erbärmlich Leben!
Ich bitt euch, gebt ihn los den armen Mann,
Was er auch schweres mag verschuldet haben,
Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.

(Schiller, Wilhelm Tell, vierter Aufzug, dritte Szene)

 

Bergbauern führten seit jeher ein karges und arbeitsintensives Leben. Die ganze Familie arbeitete mit, von den Grosseltern bis zu den Kindern. Wichtigste und strengste Zeit des Jahres waren die Monate der Heuernte, für welche häufig zusätzliche Arbeitskräfte beschäftigt wurden. Innerhalb von zwei oder drei Monaten musste das Futter, welches das Vieh den Winter über ernähren würde, eingebracht werden. Vieh bildete die Existenzgrundlage der Bergbauern, vom Überleben des Viehs hing daher auch ihr eigenes Leben ab. Die Wildheugebiete waren begehrt – obwohl schlecht zugänglich und beschwerlich zu mähen, brachten sie einen zusätzlichen Futtergewinn, der entscheidend sein konnte. Da die Wildheugebiete vielerorts nicht in Privatbesitz, sondern Eigentum der Gemeinde waren, bildete ihre Nutzung für ärmere Bergbauern, deren eigenes Land nur wenig abwarf, geradezu eine Lebensnotwendigkeit. Die Heurechte wurden zum Teil durch das Los vergeben oder öffentlich versteigert. Wo es keine klare Regelung gab, kam es immer wieder zu Streitigkeiten.

Ob einem die Wildheugebiete wirklich den erhofften Nutzen brachten, war unsicher. Missernten waren häufig. Man konnte selten vor Mitte August ins Wildheu gehen, und wenn dann das Wetter nicht mitspielte, war schnell die ganze Ernte verloren. Immer wieder kam es auch vor, dass eine Lawine die fertigen Heuhaufen mit in die Tiefe riss.

Die Wildheuet war – und ist – keine Arbeit für Einzelne. Früher schlossen sich meist mehrere Bergbauern-Familien zusammen und übertrugen das Kommando einem erfahrenen Wildheuer. Gemeinsam machte man sich auf den Fussmarsch in das Wildheugebiet. In hölzernen oder geflochtenen Rückentraggefässen transportierte man Trinkwasser, Lebensmittel und Kochutensilien. Am Lagerplatz wurde das Gepäck abgeladen; ausgerüstet mit Sense und Wetzstein stiegen die Wildheuer alsdann in die steilen Berghänge. Übernachtet wurde in Höhlen oder anderen geschützten Stellen, einfachen Hütten oder behelfsmässigen Unterkünften, erst nach Beendigung der Heuet kehrte man ins Tal zurück.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde das Wildheuen allmählich immer unrentabler. Als mit Aufkommen der Eisenbahn die alten Saumpfade über die Pässe ihre Bedeutung verloren und die Saumpferde ausblieben, sank der Heubedarf entlang der Passstrassen. Mit zunehmender Industrialisierung waren in den Berggebieten auch immer weniger Wanderarbeiter unterwegs – viele von ihnen suchten nun ihr Auskommen in den Fabriken. Arbeitsaufwand und Kosten für das Wildheuen waren enorm, der Ertrag verschwindend – immer mehr Wildheugebiete wurden aufgegeben. Heute findet man Wildheuer vor allem noch in den Berggebieten der Zentralschweiz, vereinzelt auch in Graubünden und Glarus.

 

Wildheuen – eine lebendige Tradition

Die Praxis des Wildheuens wurde 2012 in die Liste der „lebendigen Traditionen der Schweiz“ aufgenommen. Besonders engagiert setzt sich der Kanton Uri für den Erhalt dieses alten bergbäuerlichen Handwerks ein: Das Wildheuförderprogramm unterstützt die verbleibenden Wildheuer und bietet mit Publikationen, Kursen und einem Wildheupfad am Rophaien auch einer breiten Öffentlichkeit Gelegenheit zu vertieften Einblicken in deren Arbeit.

[1] Für bessere Lesbarkeit wird im weiteren Text nur die männliche Form verwendet.

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Literatur

Bundesamt für Kultur (Hg.): Wildheuen in der Zentralschweiz (Dossier), in: Lebendige Traditionen, www.lebendigetraditionen.ch, Version vom 8. September 2012.

Lorez Christian: Bauernarbeit im Rheinwald. Der Wildheuet, in: Hugger Paul (Hg.): Altes Handwerk, Heft 44, Basel 1979.

Ritschard Gustav und Schmocker Emil: Das Wildheuen in Ringgenberg, Frutigen 1980.


Gefährdung
Mittlerer Gefährdungsgrad
Verbreitung
ganze Schweiz
Ausführende
> 50
01 Landwirtschaft, Jagd und damit verbundene Tätigkeiten
0162 Erbringung von landwirtschaftlichen Dienstleistungen für die Tierhaltung

Formalisierte Aus-/Weiterbildung

Handwerksberuf Nein

Nicht formalisierte Aus-/Weiterbildung

Das Wildheuförderprogramm des Kantons Uri
bietet Kurse im Wildheuen und im Tristenbau an.

Wildheuförderprogramm des Kantons Uri
Amt für Raumentwicklung
Abteilung Natur- und Heimatschutz
Thomas Ziegler
Tel.: +41 41 875 28 92
E-Mail: Thomas.Ziegler@ur.ch
www.ur.ch

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