Wagner/in

Der Name sagt es: Der Wagner war ursprünglich auf die Herstellung von Wagen spezialisiert. Aus Holz fertigte er Räder, Achse, Deichsel und Wagenkasten und baute die Bestandteile zum Wagen zusammen. In ländlichen Gegenden gehörten auch landwirtschaftliche Geräte wie Pflüge und Eggen und kleinere Gegenstände wie Werkzeugstiele zu seinen Produkten.

Auch heute gehört die Herstellung und Reparatur von Fahrzeugen und Fahrzeugteilen aus Holz, zum Beispiel Leiterwagen, Holzspeichenräder oder Deichseln, zum Grundrepertoire von Wagnerinnen und Wagnern. Daneben fertigen sie Holzschlitten, Sprossenwände, Gartenmöbel, Leitern und andere Holzgeräte.

mehr lesen

Ein Hauptmerkmal der Werkstücke des Wagners[1] sind gebogene Formen (beispielsweise Räder, Schlittenkufen) und unregelmässige Querschnitte (beispielsweise Radspeichen, Werkzeugstiele). Als Beispiel für die Herstellung eines typischen Produktes einer heutigen Wagnerei sei kurz die Entstehung eines klassischen Davoser-Schlittens skizziert. Als Rohstoff wird Eschenholz verwendet. Das Holz wird vor der Verarbeitung ein bis zwei Jahre gelagert und anschliessend in der Trockenkammer getrocknet, bis ein Feuchtigkeitsgehalt von 10-12% erreicht ist. Die zukünftigen Kufen des Schlittens müssen allerdings bereits vor dem Trocknen in die gewünschte Form gebogen werden. Zu diesem Zweck werden auf die erforderliche Dicke zugeschnittene Holzstäbe für ein bis zwei Stunden in ein Dampfrohr gelegt, mit der Biegemaschine gebogen und schliesslich in Paaren in einem Spannblech fixiert. Nach dem Trocknen werden die einzelnen Teile des Schlittens – Kufen, Beine, Seitenschwingen, Sitzlatten – ausgehobelt, zugeschnitten und geschliffen. Nach dem Zusammensetzen und Verschrauben der Einzelteile werden Kufeneisen, Zugstange und Beinverstrebungen montiert. Zum Schutz vor Nässe wird der fertige Schlitten abschliessend in ein Imprägnierbad getaucht.

Der Wagner schreinert Werkstücke nach von Hand gezeichneten oder am Computer mit CAD hergestellten Plänen. Verarbeitet werden Massivholz, Sperrholz, Span- und Faserplatten, daneben können auch Kunststoffe und Metalle zum Einsatz kommen.

Das Handwerk des Wagners ist heute als eigene Fachrichtung in den Schreiner-Beruf integriert (Berufsbezeichnung: Schreiner/in EFZ, Fachrichtung Wagner). Die Ausbildung dauert vier Jahre. Wichtige Voraussetzungen sind neben handwerklichem und zeichnerischem Geschick auch technisches Verständnis und dreidimensionales Vorstellungsvermögen.

 

Geschichte

Das Wagner-Handwerk ist eines der ältesten Handwerke der geschichtlichen Zeit. Wagen mit Rädern aus zusammengesetzten Holzscheiben sind bereits für das 4. Jahrtausend v. Chr. belegt. Die ältesten Funde stammen aus Mesopotamien und dem Schwarzmeergebiet, nur wenig später kannte man Rad und Wagen auch in Ägypten, Europa und Indien, im 3. Jahrtausend v. Chr. wahrscheinlich auch in China. Die Erfindung des Rades brachte eine enorme Steigerung der Mobilität sowie der Transportmöglichkeiten. Der Wagen war vorerst vor allem Last- und Transportmittel oder diente kultischen Zwecken. Er wurde meist von Ochsen gezogen und war insgesamt eine langsame und durch die starre Bauweise – die Radachse war mit den Rädern verbunden und drehte sich mit ihnen – schwerfällige Angelegenheit.

Das Speichenrad kam um 2000 v. Chr. in Mesopotamien auf, wenig später auch in Ägypten. Stabiler und leichter als das Scheibenrad erlaubte es den Bau von wendigen Streitwagen, die sich, von Pferden gezogen, in der Folge schnell zu den wichtigsten und kriegsentscheidenden Komponenten jedes Heeres entwickelten; kriegerische Szenen mit prominent hervorgehobenen Streitwagen sind auf zahlreichen mesopotamischen Felsreliefs und ägyptischen Wandmalereien festgehalten. Mehrere Funde gut erhaltener ägyptischer Streit- und Prunkwagen bezeugen für das 2. vorchristliche Jahrtausend bereits eine enorme handwerkliche Präzision in der Räder- und Wagenkonstruktion. Eine weitere Vervollkommnung erfuhr der Streitwagen im antiken Griechenland.

Die Herstellung des Speichenrads war kompliziert und teuer, die Wagnerei ein hochspezialisiertes Handwerk. Ein einfacher Bauer konnte sich für seinen Karren kein Speichenrad leisten. Hier waren einfachere Räder mit Querleisten oder H-Versteifung die Regel, welche der Bauer, wie auch die übrigen Teile des Wagens, meist selber herstellte.

Früh wurde der Wagen auch als Behausung und Reisegefährt genutzt. Die nomadischen Hirtenvölker Innerasiens und Sibiriens zogen im 1. Jahrtausend v. Chr. in gedeckten Wohnwagen durch die Steppe. Ähnliche Wagen dienten zur selben Zeit in Griechenland Frauen und alten Leuten als Reisevehikel.

Bis zur Zeitenwende hatten weitere technische Neuerungen wie drehbares Vordergestell und aufgehängter Wagenkasten Beweglichkeit und Einsatzmöglichkeiten auch der Transportwagen erheblich vergrössert; das ausgedehnte Strassensystem des römischen Reiches sorgte für beinahe uneingeschränkte Befahrbarkeit über weite Distanzen.

Nach dem Untergang Westroms zerfielen die Strassen, es fehlte sowohl an Mitteln wie auch an Wissen, um sie zu unterhalten und Schäden zu beheben. Die Könige des frühen Mittelalters waren wieder wie zur ältesten Zeit in Ochsenkarren unterwegs, die auch in unwegsamem Gelände noch halbwegs vorankamen.

Das Wagnerhandwerk war und blieb auch im Mittelalter ein anspruchsvoller und angesehener Beruf. Der Wagner oder Stellmacher, wie er auch genannt wurde, baute jedes Gefährt einzeln in all seinen Bestandteilen. Jeder Wagen war ein individuelles Einzelstück, Serienfertigungen gab es nicht. Entsprechend gross war die Vielfalt der Wagen. Transport- und Reisewagen waren meist vierrädrig, daneben waren auch zweirädrige Lastkarren weit verbreitet.

Der mittelalterliche Reisewagen entwickelte sich aus dem Leiterwagen. Zunächst unterschied sich der Personentransportwagen bloss durch ein einfaches Verdeck aus mit Stoff oder Leder überzogenem Weidengeflecht vom Lastfuhrwerk. Weiterentwicklungen und Neuerungen sorgten im Laufe der Jahrhunderte für allmählich steigenden Reisekomfort. Als man gegen Ende des 14. Jahrhunderts auf die Idee kam, den Wagenkasten an Seilen oder Ketten an senkrecht vom Fahrgestell hochragenden Stützpfeilern aufzuhängen, war die erste Kutsche geschaffen. Namensgebend war die ungarische „kocsi“, welche allerdings keine Kutsche im eigentlichen Sinne war, sondern ein besonders leichter und flinker Bauernwagen.

Die Kutsche verbreitete sich im 15. Jahrhundert schnell in ganz Europa, zunächst als Prunk- und Reisegefährt der Herrschenden und des Hochadels. Im 16. Jahrhundert begannen auch reiche städtische Bürger, in Kutschen zu reisen. Vereinzelt ebenfalls bereits im 16., weiträumiger im 17. Jahrhundert kam die Wagenpost auf. Die Postkutschen transportierten nicht nur Post, sondern auch Passagiere. Dies war die Geburtsstunde eines regelmässigen, nach Fahrplan auf festen Routen erfolgenden Landreiseverkehrs.

Für Adel und reiches Bürgertum war die Kutsche Statussymbol. Die hohen Ansprüche von Aristokraten und Patrizier trieben die Entwicklung nicht nur ständig prachtvollerer und aufwendiger ausgestatteter, sondern auch technisch immer vollkommenerer Kutschen voran. Einen der wichtigsten Fortschritte brachte im 17. Jahrhundert die Erfindung der Stahlfeder. Sie ermöglichte erstmals ein erschütterungsfreies Fahren ohne Schaukelbewegungen.

Am Bau einer Kutsche waren verschiedene Handwerke beteiligt. Die wichtigsten Bestandteile stellte der Wagner her: Gestell, Räder und Wagenkasten. Für Beschläge aller Art war der Schmied zuständig, für Scharniere, Schlösser und Bremsen der Schlosser. Der Sattler bezog Lehnen, Sitze und Kotflügel und brachte Dachleder und Riemen an. Bemalung und Lackierung schliesslich war Sache des Malers.

Die ständig wachsenden Anforderungen an Sachkenntnis einerseits, handwerkliches Können andererseits steigerte das Ansehen der Wagner weiter. Die grosse Nachfrage nach Kutschen führte dazu, dass viele von ihnen im 17. Jahrhundert zu regelrechten Grossunternehmern aufstiegen und in ihren Betrieben alle erforderlichen spezialisierten Handwerker beschäftigten. Das Gewerbe erreichte im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt. Die Wagnermeister versuchten sich gegenseitig mit noch schöneren, noch bequemeren und noch extravaganteren Kutschen zu übertreffen. Im 19. Jahrhundert lässt sich in der Gesamtkoordination der verschiedenen Handwerke im Wagenbau eine Verschiebung von den Wagnern zu den Sattlern feststellen.

Die Kutschen mögen als die vornehmsten Wagnerei-Produkte besonders hervorstechen, zahlenmässig machten sie jedoch nur einen kleinen Anteil aus. Weitaus mehr Wagner arbeiteten auf dem Land als in den Städten; sie stellten in erster Linie Wagen, Karren und Geräte für die Landwirtschaft her.

Luxuskutsche oder Pflug, eine Gemeinsamkeit hatten alle Produkte des Wagners: Sie mussten in der Regel grossen Belastungen standhalten. Entsprechend wichtig war zu allen Zeiten die Auswahl des Holzes. Für Speichen und Wagengestelle wurde bevorzugt das zähe Holz der Esche verwendet, gelegentlich auch Ulmen- oder Eichenholz. Der Wagenkasten wurde dagegen gerne aus dem ebenfalls sehr harten Buchenholz gefertigt.

Im 19. Jahrhundert geriet das Wagner-Handwerk in der Folge der Industrialisierung allmählich in Bedrängung und führte im frühen 20. Jahrhundert schliesslich zu seinem Niedergang. Die vermehrte Verwendung von Eisen und Stahl im Maschinen- und Gerätebau, die Verdrängung der Kutsche durch das Automobil, das Aufkommen von gummibereiften Ackerwagen, die maschinelle Herstellung von Werkstücken in Fabriken – viele Faktoren wirkten zusammen, um das Handwerk des Wagners von seiner einst zentralen Position an die Peripherie zu drängen.

[1] Für bessere Lesbarkeit wird im weiteren Text nur die männliche Form verwendet.

Artikel als PDF

 

Literatur

Kettemann, Otto: Wagner, in: Reith, Reinhold (Hg.): Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngiesser, München 2008, S. 244-247.

Lenzin Werner: Traditionelles Handwerk in der Schweiz, Frauenfeld 1991, S. 161-165.

Rad, in: Die Brockhaus Enzyklopädie Online, Gütersloh/München 2012, abgerufen am 30.03.2015.

Tarr László: Karren, Kutsche, Karosse. Eine Geschichte des Wagens, Berlin 1978.

www.berufsberatung.ch → Eintrag Schreiner/in EFZ, https://www.berufsberatung.ch/dyn/show/1900?lang=de&id=2925, abgerufen am 16.08.2017.


Gefährdung
Mittlerer Gefährdungsgrad
Verbreitung
ganze Schweiz
Ausführende
> 50
16 Herstellung von Holz-, Flecht-, Korb- und Korkwaren (ohne Möbel)
1629 Herstellung von Holzwaren a. n. g, Kork-, Flecht- und Korbwaren (ohne Möbel)

Formalisierte Aus-/Weiterbildung

Handwerksberuf Ja

Beruf Schreiner/in EFZ

Fachrichtung Wagner

Berufsnummer 30513

Lernende 1

VSSM Fachgruppe Wagner und Skibauer
Gladbachstrasse 80
8044 Zürich
Tel.: +41 44 267 81 00
E-Mail: wagner@vssm.ch
http://www.wagner-skibauer.ch/de/wagner-skibauer/wagner-lernen

Kontakt

VSSM Fachgruppe Wagner und Skibauer
Gladbachstrasse 80
8044 Zürich
Tel.: +41 44 267 81 00
E-Mail: wagner@vssm.ch
www.wagner-skibauer.ch

Ähnliche Berufe