Schindelmacher/in

Der Schindelmacher* stellt aus Holz Schindeln her und benutzt diese zum Decken von Dächern oder zum Einkleiden von Hausfassaden. Seine Arbeit beginnt häufig bereits im Wald: Für möglichst langlebige Schindeln werden die Bäume sorgfältig ausgewählt – besonders günstig sind langsam, gleichmässig und gerade gewachsene Fichten mit borkiger Rinde und wenigen, hängenden Ästen – und vorzugsweise im Winter, also zur Zeit der Saftruhe, gefällt. Auch die Herstellungsweise hat Auswirkungen auf die Lebensdauer von Schindeln: Spalten des Holzes von Hand belässt die Holzfasern intakt, maschinelles Schneiden dagegen führt zu vielfach angeschnittenen Fasern und damit zu einem Verlust der Oberflächenversiegelung. Von Hand gespaltene Schindeln haben deshalb eine deutlich höhere Lebensdauer.

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Nach dem Fällen wird der Baumstamm in Abschnitte der gewünschten Schindellänge zersägt und die Rinde entfernt. Bei der traditionellen Herstellungsweise von Hand wird das Holz mit Schindelmesser und Holzschlegel entlang der Faserung zu Schindeln gespalten. Für 25m2 Dachfläche werden ungefähr 5600 Schindeln benötigt; bei einer Tagesleistung von ungefähr 2000 Schindeln braucht der Schindelmacher also rund drei Tage für die Herstellung der Schindeln. Das Decken des Daches beginnt am unteren Dachrand und geht reihenweise von unten nach oben vonstatten. Die Schindeln werden überlappend an die Dachlatten genagelt, wobei jeweils bis zu drei Viertel der Breite einer einzelnen Schindel von der Nachbarschindel überdeckt werden. Die nächsthöhere Schindelreihe überdeckt wiederum einen Teil der darunterliegenden. Am First stossen die Schindeln der beiden Dachseiten aneinander; die Kante wird mit Holz oder Metall, zum Beispiel mit verzinktem Eisenblech, abgedichtet.

 

Ökologie

Bei optimaler, d.h. gut besonnter Lage, hält ein Schindeldach bis zu 40 Jahre. Nachteilig wirken sich Schattenlage sowie eine geringe Dachneigung aus: Nach Regenfällen brauchen die Schindeln hier viel mehr Zeit, um zu trocknen. Auf feuchtem Holz kann sich Moos ansiedeln, ein dickes Moospolster wiederum speichert grosse Mengen an Flüssigkeit, was schliesslich zum Verfaulen der Schindeln führt.

Für die traditionelle Herstellung eines Holzschindeldaches werden nur Holz, Nägel und menschliche Arbeitskraft benötigt. Muss das Dach ersetzt werden, kann man die alten Schindeln vermodern lassen oder als Wärmelieferanten verbrennen, die Nägel können wiederverwendet oder eingeschmolzen werden. Nichts wird verschwendet, es fallen keinerlei Abfälle an; ein Holzschindeldach ist somit in hohem Masse umweltverträglich.

 

Geschichte

Holzschindeln (von lat. scandula, später auch scindula) bildeten in vielen waldreichen Regionen Europas, so auch in der Schweiz, während Jahrhunderten die gebräuchlichste Dachbedeckung. Bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurden ausschliesslich Brettschindeln verwendet, die Dächer waren nur wenig geneigt und mit Steinen beschwert. Die um 1500 aufkommenden Nagelschindeln – welche mit Eisennägeln angenagelt wurden – machten den Bau von steileren, dauerhafteren Dächern möglich.

Die bereits in der Antike verwendeten, länger haltbaren, aber viel teureren Ziegel aus gebranntem Ton kamen erst im Spätmittelalter allmählich wieder in vermehrten Gebrauch, konnten sich gegen die Schindel aber nur sehr langsam durchsetzen. Selbst in Städten, wo aufgrund der engstehenden Häuser und deren feueranfälligen Bauweise häufig verheerende Brände ganze Stadtteile in Schutt und Asche legten, und wo ab dem 14. Jahrhundert der Bau von Ziegeldächern gefördert bzw. die Verwendung von hölzernen Schindeln verboten wurde, verschwanden die Schindeldächer nur nach und nach aus dem Stadtbild. In ländlichen Gegenden hielt sich das Schindeldach noch länger, so erlebten Schindelmacher in einigen Regionen, zum Beispiel im Appenzell, noch im 18. Jahrhundert eine eigentliche Blütezeit. Heute werden Häuser beinahe nur noch im Alpenraum mit Schindeln gedeckt. Da Schindeldächer aus feuerpolizeilichen Gründen innerhalb von Ortschaften meist nicht erlaubt sind und hier lediglich auf denkmalgeschützten Häusern toleriert werden, beschränken sich die Einsatzmöglichkeiten des Schindelmachers meist auf Unterhalts- und Restaurierungsarbeiten.

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet.

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Literatur

Dubler Anne-Marie: Feuersbrünste, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D7787.php, abgerufen am 11.10.2014.

Holzschindeln, in: Die Brockhaus Enzyklopädie Online, abgerufen am 11.10.2014.

Hubler Lucienne: Ziegelei, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D14018.php, abgerufen am 11.10.2014.

Müller Armin: Der Schindelmacher deckt eine Alphütte, in: Hugger Paul (Hg.): Sterbendes Handwerk, Heft 16, Basel 1968. 


Gefährdung
Mittlerer Gefährdungsgrad
Verbreitung
deutschsprachige Schweiz, französischsprachige Schweiz, romanischsprachige Schweiz
Ausführende
> 50
16 Herstellung von Holz-, Flecht-, Korb- und Korkwaren (ohne Möbel)
1623 Herstellung von sonstigen Konstruktionsteilen, Fertigbauteilen, Ausbauelementen und_x000d_Fertigteilbauten aus Holz

Formalisierte Aus-/Weiterbildung

Handwerksberuf Nein

Nicht formalisierte Aus-/Weiterbildung

Kurszentrum Ballenberg:
Im Kurs "Dachschindeln" lernen die Teilnehmer, Schindeln nach traditioneller Brienzer Art herzustellen und zu verlegen. Der nächste Kurs findet im November 2016 statt.
Für weitere Kurse zu verwandten Themen s. Rubriken "Bau" und "Holz".
+41 33 952 80 40
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www.ballenbergkurse.ch

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