Beinschnitzer/in, Beindrechsler/in / Hornschnitzer/in

Beinschnitzer, Beindrechsler und Hornschnitzer[1] verarbeiten Bein, Elfenbein[2] bzw. Horn mittels Schrot-Spitz und Schlichteisen, Laubsäge, Hobeln, Rasplen, Feilen, Stecheisen, Messern und Bohrern zu Luxus- und Gebrauchsgegenständen. Durch Sägen, Schnitzen, Bohren, Fräsen, Drechseln, Schlei­fen, Hobeln sowie Polieren und Einfärben werden die besagten Werkstoffe in Billardkugeln, Schach­figuren, Dominosteine, Würfel, Knöpfe, Ringe, Miniaturgemälde, Stock- und Schirmgriffe sowie Löf­fel, Gabel, Kämme und dergleichen verarbeitet.

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Von den Hornschnitzern werden insbesondere die Hörner des Rindes, des Büffels, der Ziege, der An­tilope, des Gnus und der Gazelle in geeigneter Form bearbeitet. Pferde- und Rinderknochen und die Zähne des Elefanten, des Mammuts, des Nilpferds, des Walros­ses und des Wals sind weitere begehrte Werkstoffe, die in der Beinschnitzerei und Beindrechslerei einst Anwendung fanden.

Anstelle von Horn und Bein wird in der heutigen Zeit allerdings meist Kunststoff verwendet, weshalb das Handwerk des Beinschnitzers, des Beindrechslers und des Hornschnitzers heute zu den hoch ge­fährdeten Handwerken in der Schweiz zählt.

 

Geschichte

Bein, Elfenbein und Horn wurden bereits in der Steinzeit zur Herstellung von alltagsgebräuchlichen Werkzeugen und Kleinkunstobjekten eingesetzt. Im Mittelalter allerdings erreichte die Bearbeitung dieser Werkstoffe eine Art Hochkonjunktur. Zahlreiche archäologische Funde belegen das einst blü­hende Geschäft der Paternostrerer[3] und der Würfelmacher in Basel und Konstanz. Aus Bein und Horn wurden zudem zahlreiche Beschlagplättchen für Bücher, Kästchen und Möbel sowie Musikinstrumen­te und Dekorelemente geschnitzt. Für Letzteres wurde zunächst ein Entwurf mit einem dünnen Blei­stift auf die mit Kreide bestäubte Knochenblatte aufgezeichnet und daraufhin mit Hilfe eines spitzen Gegenstandes angerissen und schliesslich mit dem Messer ausgeschnitzt.

Die Figürliche Bein- und Elfenbeinschnitzerei, die sich im frühen Mittelalter aufgrund der zunehmen­den Verehrung von Reliquien, hoher Beliebtheit erfreute, ist ebenso bestens dokumentiert. Zahllose aufwändig verzierte sakrale Beinschnitzarbeiten, zeugen von der einst vorherrschenden Vorliebe für die besagten Werkstoffe. Im Gegensatz dazu lassen sich gedrechselte Beinobjekte, wie Nadeln, Knö­pfe, Spulen, Ringe und dergleichen archäologisch zwar nachweisen. Grabungen über entsprechende Werkstätte, die Rückschlüsse über den Herstellungsort und die Herstellweise zulassen, fehlen aller­dings bis anhin.

Im 16. Jahrhundert hingegen begann sich die über Jahrhundert gewachsene mittelalterliche Hand­werkswelt zu verändern. Während beispielsweise gemäss der damals vorherrschenden Meinung neue Herstellungs- und Dekorationstechniken in der Keramik für mehr Bildhaftigkeit der sakralen Objekte sorgten, stieg aufgrund der neuen Bekleidungsart der Bedarf an Beinknöpfen. Die zunehmende Differenzierung der Möbelstücke führte ebenfalls zu einem erhöhten Bedarf der ge­drechselten Beingriffe. Die darauffolgenden Jahrhunderte und auch die heutige Zeit, die vom Prinzip des „Schneller – besser – billiger“ geprägt zu sein scheint, verlangten bzw. verlangen den Beinschnit­zern, Beindrechslern und Hornschnitzern nicht weniger an Anpasssungs – und Innovationsbereit­schaft ab.

 

[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im weiteren Text nur die männliche Form verwendet.

[2] Im Mittelalter galt Elfenbein als Sinnbild der Reinheit und Keuschheit.

[3] „Paternoterer stellen Perlen für Rosenkränze und deren Vorform, die Paternosterschnüre, her“ (Sauer, 2012, S. 123).

 

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Literatur

Sauer Christine: Handwerk im Mittelalter, Darmstadt 2012, S. 121-132.

Palla Rudi: Verschwundene Arbeit. Das Buch der untergegangenen Berufe, Frankfurt am Main 2010, S. 27-28.

 


Gefährdung
Hoher Gefährdungsgrad
Verbreitung
ganze Schweiz
Ausführende
5 - 10
32 Herstellung von sonstigen Waren
3299 Herstellung von sonstigen Erzeugnissen a. n. g.

Formalisierte Aus-/Weiterbildung

Handwerksberuf Nein

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